Kundenanschreiben zum Jahrgang 2010
Mitte November bei über 20 Grad sitze ich nun hier draußen auf der Terrasse mit drei Gläsern gärenden Weines aus meinem reichlich blubbernden Keller.
Was schreibe ich nun meinen Kunden über den neuen Jahrgang, der schon wochenlang, bevor wir mit der Lese begonnen hatten, in vielen Medien runtergemacht wurde - mit all seinen vermeintlichen Problemen?
Es ist schon merkwürdig, wie man sich das Bild und die erste Meinung vom Jahrgang immer da macht, wo zuerst gelesen wird, wo die Trauben noch unreif runtergerissen werden aus Angst vor Fäule und Mengenverlusten. Die späte Lese bei den geduldigsten Winzern an der Mosel, die ihre Trauben länger hängen lassen können, weil in ihren steinigen Lagen die Trauben noch herrlich gesund geblieben sind, geht in der Berichterstattung meist unter. Zum Herbstende, wenn die guten Weine geerntet werden, interessieren sich die Massenmedien nicht mehr dafür. So wird dann oft auch der Jahrgang am irrsten hochgeschrieben, der schon ganz früh im September reife Trauben hatte, wie es beim 2003er der Fall war und nachher beklagt man sich über zu wenig Säure.
Davon kann nun in diesem Jahr wirklich nicht die Rede sein und das ist auch eigentlich der einzig wirkliche Knackpunkt an dem Jahrgang, abgesehen von der viel zu geringen Menge. Denn die Mostgewichte waren prachtvoll, teilweise über 100 Grad Öchsle und das Lesegut war, von einem Weinberg abgesehen, wo die Wildschweine wild gewühlt hatten, fast nur traumhaft und wunderschön. Nichts war verwaschen und verregnet, nirgendwo schlechte Fäule, keine Schrumpeltrauben, kein Sonnenbrand, wir mussten kaum aussortieren. Die ganze Lese machte eigentlich Spaß und ich ärgerte mich nur über die blöden Berichte über den Jahrgang. Denn ich vertraute schon im Keller darauf, dass Trauben die im Weinberg geschmeckt haben, auch schmackhafte Weine ergeben werden, trotz dem ganzen Gerede von zu hohen Säurewerten.
Im Moment trinke ich mit Freude den jungen Rosé mit seiner von der natürlichen Säure betonten Fruchtigkeit, und auch den Weissburgunder und denke, die sind doch eigentlich richtig stimmig und lecker. Sie könnten werden wie die ja bewährt süffigen 2008er. Und nun trinke ich einen nicht entsäuerten Riesling in seiner ganzen Purheit, knackig und prägnant. Der Wein verspricht plötzlich eine Trinklust, die vor wenigen Wochen noch niemand vermutet hätte. Wie kann das sein? Schließlich war es eine nie dagewesene Konstellation in diesem Jahr. Die extrem verzögerte Blüte durch einen richtig schlechten Mai hatte uns wenig Traubenansatz gebracht und auch wenig Vegetation. Als Ende Juni die Hitzephase richtig losbrach mit Rekordtemperaturen im Juli, hingen die jungen noch erbsengrossen Beerchen luftig in der Sonne, bildeten dicke Schalen aus und schützten sich damit wohl vor der Hitze wie wohl später auch vor dem Regen. Nichts wurde dann im September aufgeschwemmt. Und als dann Anfang Oktober der stetig trockene Wind bei bestem Wetter die Trauben immer kleiner machte, stiegen nicht nur die Mostgewichte rasant, die Säure ging auch nicht runter, weil sie sich ja trotz steigender Reife durch den Wasserentzug per Lufttrocknung auch konzentrierte. Dies war der besondere Effekt 2010! Viel Kraft, Extrakt und Mineral ist in den Weinen, die für eine gute geschmackliche Abpufferung auch der Säure sorgen wird.So elegant wie die weniger konzentrierten und daher so herrlich balancierten 2009er werden die 10er Rieslinge allerdings nicht. Wir empfehlen Ihnen deshalb besonders, im trockenen und im edelsüßen Bereich sich noch ein paar Flaschen dieses Ausnahme-Jahrgangs zu sichern (siehe beiliegende Liste). Ich sage das deshalb, weil ich das Gefühl habe, dass der 2010er wie viele der alten traditionellen Mosel-Weine in der feinherben Geschmacksrichtung sich am besten zeigen wird. Bei der ohnehin sehr geringen Riesling-Menge wird es deshalb wohl im trockenen und fruchtsüßen Bereich besonders knapp. Soviel vorab, eine präzise Einschätzung kann natürlich erst im nächsten Jahr erfolgen und ich bin da auf die Präsentation im Mai 2011 so gespannt wie Sie.