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Jahrgangsgeschichte 2009 – so kühl wie der Sonnenschein

 

Noch nie ist es uns passiert, dass wir die jungen Fassproben aus dem Keller regelmäßig einfach locker leer getrunken haben. Statt uns eine Flasche Rotwein aufzumachen in diesem strengen Winter, sind wir oft einfach bei unseren frischen Rieslingen geblieben. Es war wie ein Sog, es ist wie ein Sog! War meine Frau Silvia sonst eher zurückhaltend mit den  jungen Weinen, so war der "Neue" diesmal beinahe von Anfang an so verführerisch, wie wir es praktisch noch nie erlebt haben. Auch jetzt, wenn wir die Weine im April kurz nach der Füllung probieren, lässt uns die zauberhafte Frucht vieler Weine nicht los. Unser ältester Sohn Niklas, der erstmals auch im Keller mitgearbeitet und probiert hat, war so begeistert von der Fruchtigkeit, dass wir auf sein Drängen hin mehr fruchtsüße Weine gemacht haben als gewohnt. Die Ergebnisse sind Bezauberung pur. Aber auch die trockenen Weinen strahlen und  lachen, besonders, wenn draußen die Sonne scheint, so dass es schwer fällt, all die letzten doch so guten Jahre nicht gleich zu vergessen.

Doch was hat dieses Wunder bewirkt? Worin liegt der so einzigartige fast sprachlos machende Zauber, der bestechende Charme des "Neuners"?

Es begann alles mit einem endlich mal wieder richtig kalten Winter mit kräftigen Minusgraden, was der Rebgesundheit durchaus einmal gut tut, solange sie nicht erfrieren. Ab Mitte März begann die Vegetation dann zu explodieren. Es wurde richtig warm. Ein unglaublich beständiger April bescherte uns zahlreiche Sonnentage und Sommergefühle, oft mit rund 25 Grad auf der Terrasse. Erst Ende des Monats dann plötzlich ein kleiner Kälteschock mit verhängnisvollen Folgen. Der erste zarte Austrieb eines Spätburgunder-Weinberges wurde von Insekten ratzekahl gefressen, was bei einer ungebremsten Vegetation nicht passieren könnte. Durchatmen im Mai. Alles läuft bei gutem Wetter normal weiter. Dann der Juni, der Monat der Blüte, oft bereits wegweisend für Menge und Qualität. Für uns eine grosse Zeit der Aufregung. Regen und Kälte in der empfindlichsten Phase Mitte Juni, mittenhinein in die bereits früh begonnene Blüte, die dadurch komplett verzottelt wurde. So hatten wir am selben Rebstock bereits früh durchgeblühte Beeren und andere, die erst Wochen später befruchtet wurden, dazwischen viele verrieselte winzig kleine Zuckerbeerchen.

Und doch: im nachhinein könnte gerade diese schwierige Blüte zu der tollen Spannung des aktuellen Jahrganges viel beigetragen haben. Der durch das schlechte Wetter stark verminderte Traubenansatz legte die Grundlage für eine gegenüber den ganzen letzten Jahren stark verminderte Ernte (beim Weißburgunder war es nicht einmal die Hälfte). Der Rebstock hatte nun viel weniger Trauben zu ernähren und konnte sich ohne Stress konzentriert seiner Arbeit an der Traubenreife widmen. Und: es gelang ihm dadurch, auch die zurückgebliebenen Beeren am Stock noch reif zu bekommen. Die Kombination aber, das Zusammenspiel der allersüßesten Beerchen mit den nicht überreifen noch säureknackigen Beeren, wie sie später am Stock hingen, dürfte mitverantwortlich sein für den tollen Trinkfluss am Ende im Wein.

Und dann natürlich das folgende Wetter: trotz der Blüteschwierigkeiten steigerte sich der Sommer bis in den Herbst zunehmend in einen Idealverlauf hinein. Vermisst haben wir vielleicht die ganz heißen Phasen, die grosse Hitze, aber die ist ohnehin gefährlich für Reben wie Menschen. Die Auswertung der neuen Piesporter Wetterstation zeigt jedoch das Erstaunliche an: 2009 übertraf in der Anzahl der Sonnenstunden die ganzen letzten Jahre, sogar den hitzigen Jahrgang 2006. Mit 1755 Stunden waren es rund 500 Stunden mehr als im hochgelobten Jahrgang 2007. Fünf Monate in Folge von April bis August lag die Summe der Sonnenscheindauer über 200 Stunden im Monat, nahezu einmalig. Nur die Temperaturen waren maßvoll, haben uns den Sommer nicht so spüren lassen. Und die Regenfälle kamen immer wieder im richtigen Moment, haben die Sonne kurz unterbrochen. Aber genau das war ideal für die Reben, die so selbst den sehr trockenen August gut überstanden. Zudem haben die relativ kühlen Sommer- und Herbstnächte dazu beigetragen, dass Aroma und Säure nicht veratmeten und sich langsam und differenziert ausbilden konnten. Der recht milde Oktoberbeginn sorgte dann für die letzte Reife, den letzten Schliff, die Traubenschalen wurden weicher. Wir warteten bis zum richtigen Moment. Ab Mitte Oktober ging es dann Schlag auf Schlag. Plötzlich konnten wir überall lesen, selbst in den etwas kühleren Lagen. Ein plötzlicher Nachtfrost mitten im Herbst ließ die Blätter braun werden und langsam abfallen. Prachtvolles Lesegut stand buchstäblich vor unseren Augen. Die relative Kühle des Herbstes brachte uns Tag für Tag knackfrisches Lesegut. Keine schädliche Hitze störte die Mikrobiologie der Trauben und der Moste. Zügig konnten wir oft ganze Weinberge mit einer idealen Traubenmischung ernten, kaum mussten wir Schlechtes aussortieren. Nur für die edelsüssen Spitzenweine haben wir ein paar aufwendige positive Selektionen gemacht mit einer herrlichen  Mischung von sauberster trockener Botrytis (Edelfäule) und goldgelben hochreifen Zuckerbeerchen. Am 31.Oktober war alles zu Ende, so schnell wie selten, auch weil die Ernte so klein war mit meist nur 50 oder 60 hl pro Hektar (teilweise noch deutlich darunter), aber was wir dann im Keller hatten, befriedigte zutiefst, wie der Einstieg unserer Jahrgangsgeschichte bezeugt.

Kühl und erfrischend, oft mit wunderbar reifen Schwarzfruchtaromen (Johannisbeeren), aber auch gelben Steinfrucht- und Zitrusaromen strahlen uns die Weine heute entgegen. Nichts Hitziges ist an Ihnen, darin dem 2008er verwandt (im Gegensatz zu manchem 2007er, 2006er, 2005er und 2003er), aber zugleich strahlt er die verführerische Finesse und Leichtigkeit eines nahezu idealen Mosel-Rieslings aus: von reicher Sonne erfüllt, aber nicht in der Hitze verbraten, wie es doch allzu vielen Weinen der Welt ergeht.

 

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